Während sich die meisten Sportschüler in ihren verdienten Sommerferien erholt haben, ging es für unsere vier Radsportler – Franzi Arendt, Lara-Sophie Jäger, Willy Weinrich und  Benjamin Boos – gleich zweimal ins Ausland. Allerdings nicht wegen eines entspannten Urlaubs, sondern weil die diesjährigen kurz aufeinanderfolgenden Wettkampfhöhepunkte auf der Bahn anstanden. Die restlichen Wochen wurden für die Trainingslager zur Wettkampfvorbereitung geopfert, aber es zahlte sich aus – am Ende konnten unsere Radsportler zwölf Medaillengewinne, dabei u.a. einen Europameistertitel und einen Weltmeistertitel, verzeichnen.

Nach der erfolgreichen Teilnahme an der Junioreneuropameisterschaft in den Niederlanden reisten alle vier zu ihrer allerersten Juniorenweltmeisterschaft nach Ägypten, in die Metropole Kairo, die Stadt der Pyramiden, Pharaonen, orientalischen Basare – und nun auch des Radsports. Es erwartete sie, neben hektischem Verkehr, eine völlig fremde Kultur und ein sehr heißes Klima mit Temperaturen von bis zu 30 Grad nachts, also ganz andere Bedingungen als in europäischen Ländern. Das erst neu gebaute Velodrom mit einer 250m langen Holzbahn wurde so konstruiert, dass hohe Stützpfeiler das Dach tragen und gleichzeitig durch die offenen Seiten ein Luftstrom für natürliche Kühle sorgt. Die wenigen Zuschauer konnten auf der hohen, authentisch versandeten, Tribüne Platz nehmen und die 258 Fahrer aus 46 Nationen bei den Sprint- und Ausdauerdisziplinen verfolgen.

Nach ein paar Trainingstagen zur Bahngewöhnung wurde die JWM am 1. September feierlich eröffnet durch ein aufwendiges Programm aus Akrobatikinszenierungen, natürlich auf Fahrrädern, einer Feuerwerksshow sowie mit landestypische Gesangseinlagen.

Am ersten Tag machten Franzi und Benni den Anfang in der Qualifikation für die 4000m Mannschaftsverfolgung. Der Vierer der Juniorinnen mit Justyna Czapla, Lana Eberle, Fabienne Jährig und Franzi Arendt platzierte sich mit 4:34,554 Minuten genau wie der Vierer der Junioren mit Ben Jochum, Luis-Joe Lührs, Jasper Schröder und Benjamin Boos mit 4:08,124 Minuten auf Rang 2. In der ersten Runde qualifizierten sich dann die Junioren für das Finale am kommenden Tag.

Danach gingen Willy und Lara im Teamsprint an den Start und beide deutsche Teams setzten sich mit den schnellsten Zeiten in der Qualifikation und in der ersten Runde an die Spitze des Feldes. Sowohl die deutschen Junioren, mit Willy Weinrich im Team, als auch die Juniorinnen, mit Lara-Sophie Jäger als Anfahrerin, konnten ihrer Favoritenrolle im großen Finale leider nicht gerecht werden. Aber sie sicherten sich das mehr als verdiente Silber-Edelmetall.. Rückblickend war dieses „gemeinsame Erkämpfen der Silbermedaille“ für Lara das schönste Erlebnis dort und „das Gefühl als Team auf dem Podest zu stehen“, sei unbeschreiblich gewesen.

Nach einem erfolgreichen ersten Wettkampftag verlief der zweite Tag für die deutschen Jungs und Mädels nicht so glücklich. Er begann gut mit der siebtschnellsten Zeit von 11,879s über die 200m fliegend in der Qualifikation für Lara, wodurch sie direkt ins Sprint-Achtelfinale kam und sich dort gegen Nurul Aliana Syafika Azizan (Malaysia) durchsetzte. Zufriedenstellend lief es auch für Willy im Keirin. Zwar ging seine Taktik in der ersten Runde nicht ganz auf und sein stetiger Konkurrent Nikita Kalachnik (Russland) wurde Erster, wodurch Willy in den kurz darauf folgenden Hoffnungslauf musste. Jedoch fuhr er dort souverän als Sieger über die Ziellinie und qualifizierte sich so für das Halbfinale. Am späten Nachmittag nahm das Unglück seinen Lauf. Der Vierer der Juniorinnen stürzte schwer und schied damit aus dem Rennen aus. Danach allerdings passierte das Unglaubliche: Der erste Weltmeistertitel für Benjamin Boos und sein Team! Nach einem 4. Platz bei der EM setzte sich der deutsche Vierer diesmal mit neun Zehntelsekunden Vorsprung in der Mannschaftsverfolgung gegen die Italiener durch und durften eine Goldmedaille sowie das bekannte Regenbogentrikot mit nach Hause nehmen.

Überschattet wurde diese starke Leistung jedoch von einem weiteren Sturz auf deutscher Seite. Keirin wird nicht umsonst auch als „Kampfsprint“ bezeichnet, ist es doch ein mit meist sechs Startern oft sehr aggressiv gefahrenes Rennen. Das Manöver eines Italieners brachte Willy und zwei weitere Fahrer zu Fall, so dass auch er vor dem Finale ausschied. Damit endete dieser Tag einerseits mit großer Freude, andererseits mit Enttäuschung.

Mit neuer Hoffnung und der 200m-Qualifikation für die Sprints begann dann der dritte Wettkampftag. Willy fuhr mit der drittschnellsten Zeit von 10,365s direkt ins Achtelfinale, wo er beide Läufe gegen den Tschechen Matej Hytych souverän gewann. Auch am nächsten Tag ließ er keine Zweifel an seiner Leistung aufkommen, siegte im Viertelfinale zweimal vor Kirill Kurdidi (Kasachstan) und zog auf diese Weise ins Halbfinale ein. Hier stellte er sein Können erneut unter Beweis. Im ersten Lauf musste der Italiener Mattia Predomo das Rennen zweimal abbrechen und der Sieg ging an Willy. Im zweiten Lauf fuhr er dann eine klaren Sieg gegen den Italiener heraus und sicherte sich seine Revanche für die EM, da er wieder im Finale mit Kalachnik stand. Nach zwei sehr knappen Entscheidungen musste er sich wie bei der EM mit Silber zufrieden geben.

Unterdessen belegte Franzi in der Qualifikation zur Einerverfolgung den 4.Platz mit einer Zeit von 2:26,544 Minuten und erreichte das kleine Finale um Bronze. Nur wenige Wochen ist es her, dass sie in dieser Disziplin einen neuen deutschen Rekord aufstellte. Durch eine starke Verbesserung ihrer Qualifikationszeit konnte sich Franzi gegen die polnische Konkurrentin Tamara Szalinska durchsetzen und verdient Bronze gewinnen. Rückblickend bezeichnet sie es als schönstes Erlebnis der WM, dass sie in diesem Moment ihr beste Performance abliefern konnte. Im Omnium schließlich errang Benni Platz 7. Lara fuhr in der Qualifikation des 500m-Zeitfahrens auf Platz 11, erreichte aber damit nicht das Finale.

Am Schlusstag der Weltmeisterschaft ging Willy dann noch einmal im 1000m- Zeitfahren als amtierender Europameister an den Start. Die Qualifikation fuhr er überragend mit einer Bestzeit von 1:02,157 und einem deutlichen Vorsprung zum Zweitschnellsten Grigorii Skorniakov (Russland). Mit besten Chancen auf einen Weltmeistertitel verlief das Finale dann leider ganz anders als erhofft. Nach fünf Wettkampftagen und nur einer kurzen Regenerationszeit fehlte Willy die Kraft, um an seine Zeit aus der Qualifikation anzuknüpfen. Mit 1:03,339 Minuten fuhr er die exakt gleiche Zeit wie Skorniakov vor ihm, ein fast unmögliches Ereignis. Letztendlich war es die langsamere letzte Runde, die die Entscheidung zu Gunsten von Skorniakov brachte, Willy gewann wieder Silber. Die schnellste Zeit über die 1000m sowie seine drei Vize-Weltmeistertitel sind für ihn jedoch ein sehr zufriedenstellendes Ergebnis. Lara beendete ihre erste Weltmeisterschaft mit einem guten 6.Platz im Keirin, während Benni mit seinem Teamkollegen Nicolas Zippan im Madison leider stürzte, nachdem sie in Führung lagen. Das machte die WM für Benjamin Boos zu einem „Erlebnis mit Höhen und Tiefen“. Er sei sehr glücklich über seinen Weltmeistertitel, aber der Sturz am letzten Tag sei ein Tiefpunkt gewesen.

Alles in allem war es für unsere vier Sportschüler ein tolles Erlebnis und der bisherige Höhepunkt ihrer Radsportkarriere. Willy fasste es zusammen als ein aufregendes Erlebnis, aber nicht nur wegen des spannenden Wettkampfes, sondern auch weil sie in Kairo auf ein ganz andere Kultur trafen. Auch für Lara bleibt das Zusammenkommen und der Austausch mit Menschen aus aller Welt eine besondere Erinnerung. Genau das ist es, was eine Weltmeisterschaft, neben all den sportlichen Erfolgen, ausmacht. Herzlichen Glückwunsch nochmal zu euren tollen Leistungen!/Anna Bretschneider

Bildquellen:

rad-net.de – Bahn

Thüringer Radsport-Verband e.V. – Beiträge | Facebook