Ein Erlebnis, wie kein anderes – Willy Weinrich holt Gold bei der Europameisterschaft

Willy Weinrich, 16 Jahre jung und schon Europameister. Die meisten an unserer Schule träumen noch davon, für ihn ist der Traum wahr geworden. Bis letztes Jahr ist er nationale Wettkämpfe gefahren, jetzt ging es zum ersten Mal international los und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen. Bei der Junioren-Europameisterschaft in Fiorenzuola d`Arda gewann Willy zwei Goldmedaillen, eine im Sprint, die andere im Teamsprint. Der 3.Platz im Zeitfahren rundete seinen Erfolg dann noch ab. Eine wirklich besondere Leistung von einem unserer Sportschüler, der in einem Interview auch gerne seine Erfahrungen mit uns geteilt hat.

Frage:   Wie bist du zum Radsport gekommen?

Willy:   Ich bin durch meine Kindergärtnerin zum Radsport gekommen. Wir sind zu Hause im Kindergarten ein kleines Rennen um einen Parkplatz gefahren und dort bin ich dann von einem Trainer angesprochen worden.

Frage:   Warum brennst du ausgerechnet für den Radsport? Die Sportart gehört ja mit zu den härtesten, die es gibt.

Willy:   Naja, man überlegt schon, warum man das machen will, aber mir macht es Spaß, auf dem Rad zu sitzen und zu fahren. Es gibt bei uns den Kurzzeitbereich und den Ausdauerbereich. Im Kurzzeitbereich bist du nicht so oft auf dem Rad. Zurzeit fahre ich gar nicht mehr draußen. Wir sind Schönwetterfahrer, sag ich immer so (lacht). Im Sommer fahren wir ab und zu mal raus und sind draußen auf der Bahn. Gerade sind wir oft im Kraftraum, dreimal in der Woche mittlerweile. Es ist einfach eine schöne Abwechslung drin. Du setzt dich mal aufs Rad, du gehst viel in den Kraftraum, jetzt im Winter fährt man auf dem Ergometer und im Sommer trainieren wir wieder auf der Bahn, also es ist nicht immer so monoton, dass man die ganze Zeit auf dem Rad sitzt. Das könnte ich dann auch nicht (lacht).

Frage:   Hast du Rituale vor Wettkämpfen bzw. Glücksbringer?

Willy:   Bestimmte Rituale habe ich jetzt nicht, aber so ein kleines Ritual ist mehr oder weniger mein Espresso vor einem Wettkampf, dann läuft es gut. Den Espresso habe ich in Italien auch bekommen.

Frage:   Eine Europameisterschaft ist für jemanden in unserem Altersbereich schon ein richtig großes Ding. Hast du dich da anders vorbereitet als vor einem „normalen“ Wettkampf?

Willy:   Naja, man muss sagen, dass wir uns auf die Europameisterschaft das ganze Jahr lang vorbereitet haben. Es war ja der Höhepunkt, bzw. der eigentliche Höhepunkt sollte die Junioren-Weltmeisterschaft sein, aber diese ist ausgefallen und deshalb haben wir dann den Fokus auf die EM gelegt. Ich bin davor vier oder fünf Wochen lang nicht in der Schule gewesen, denn wir waren zur Vorbereitung eine Woche in Cottbus, eine Woche in Frankfurt/Oder, dann wieder in Cottbus und danach sind wir an einem Samstag mit einer Zwischenübernachtung nach Fiorenzuola d`Arda gefahren. Dort hatten wir eine halbe Woche zur Vorbereitung und Bahngewöhnung. Am Donnerstag ging es dann für mich los und am Tag davor, am Mittwoch, hatten wir Vorbelastung. Da fährt man nochmal seine Intensitäten, damit man ins Laktat kommt und am nächsten Tag so schnell wie möglich ist. Um unsere Rennräder mussten wir uns nicht kümmern, das war entspannt, sonst müssen wir die immer selber umbauen. Wir hatten drei Mechaniker dabei, die sich gekümmert haben. Bei der Vorbelastung hat man natürlich auch nochmal geschaut, dass das Rad vernünftig läuft und am nächsten Morgen, ob alles passt.

Frage:    Wie bist du an die EM rangegangen? Hattest du hohe Erwartungen oder großen Druck?

Willy:   Ich kann mich daran erinnern, bzw. mein Trainer erinnert mich immer wieder daran (lacht), dass ich ihm ein bisschen auf die Nerven gegangen bin, weil meine Leistungen die zwei Wochen davor mehr oder weniger noch nicht da waren, wo ich sie mir gewünscht hätte. Man trainiert ja wirklich darauf hin, dass man zum Höhepunkt topfit ist. Das muss ich auch noch lernen, aber da hat wirklich alles gepasst. Ich bin mehr so der Kopfmensch und mache mir manchmal ziemlich viele Gedanken vor Wettkämpfen, aber ich muss sagen, dass ich entspannt an die EM rangegangen bin. Ich war da und hatte noch nicht so das Gefühl, jetzt geht es wirklich los. Als wir uns am Abend vor dem ersten Rennen  ins Bett gelegt haben, haben wir noch gelacht und darüber geredet, dass wir morgen Teamsprint fahren und etwas erreichen wollen. Erst früh im Bett habe ich dann die Aufregung gemerkt und gedacht, dass ich jetzt fahren und erstmal abliefern muss. Ich kenne es nicht so, dass ich davor die Tage schon richtig aufgeregt bin. Das kommt bei mir immer erst direkt am Wettkampftag. Da merke ich es dann.

Frage:   Inwiefern unterscheidet sich die Atmosphäre bei einer Europameisterschaft von der bei einem „normalen“ Wettkampf?

Willy:  Das ist etwas ganz anderes, auch vom Feeling her. Man kann sich das nicht vorstellen. Alle Betreuer, die dabei waren, haben sich um dich gekümmert. Man hat so vieles bekommen, du musstest einfach nur sagen, was du brauchst. Dir wurde alles zugeliefert. Du kannst da wirklich Wünsche äußern, so war es bei uns zumindest. Ja, das war cool. Es ist halt ziemlich groß aufgezogen worden. Sonst ist es immer so, dass der Trainer sich um zwanzig Sportler kümmern muss und dort waren auch schon mal drei Trainer für zwei Sportler da. Wir hatten auch eine Physiotherapeutin dabei, die sich um uns gekümmert hat. National ist das ganz anders, man muss sich um alles selbst kümmern und dort wurde man dann gefragt, ob man genug getrunken hat oder es wurde einem gesagt, dass man eine Banane oder einen Riegel essen solle. Es wurde einem fast reingezwungen (lacht). Du musstest nur Leistung bringen und um den Rest haben sich die Betreuer gekümmert. Wir haben uns gegenseitig angefeuert und hochgepusht. Dann funktioniert das auch, es hat Spaß gemacht und ist etwas ganz anderes.

Frage:   Und kamst du auch in Kontakt mit Sportlern aus anderen Ländern?

Willy:   So viel haben wir gar nicht zusammen gemacht. Bei uns in Deutschland ist es so, dass alles in der Halle abläuft und man sich drinnen vorbereitet. Dort war es so, dass wir uns wegen Corona draußen vorbereitet haben und Masken tragen mussten. Außerdem ist im Wettkampf jeder auf sich fokussiert und die anderen Athleten waren, wenn sie keinen Wettkampf hatten, dann auch nicht anwesend. Also, Kommunikation ist da gewesen, aber es war nicht so viel. Beim Wettkampf oder nach dem Wettkampf hat man immer mal miteinander geredet. Wegen Corona hat man aber auch aufgepasst. Wir mussten auch Corona-Tests machen.

Frage:   Gibt es einen Moment der Europameisterschaft, den du ganz besonders in Erinnerung hast?

Willy:   (lacht) Ja, auf alle Fälle. Der Moment ist aus dem letzten Sprintlauf von mir. Wir sind 10 Minuten vorher schon einen Lauf gefahren. Die Bahn ist 400m lang und ein Lauf geht über zwei Runden, das heißt insgesamt waren es 800m und 600m davon bin ich voll ins Laktat gefahren. Ich lag dann erstmal und musste Luft holen. Im letzten Lauf sind wir langsam angefahren, ein Rennen ist sehr taktisch, man kann nicht zwei Runden voll fahren. In dem Moment wusste ich nicht so genau, was ich da gerade mache. Mein Gegner, ein Pole, war mir ein bisschen überlegen, aber schon ein bisschen „grau“. Taktisch habe ich es dann ganz gut gemacht. Ich habe versucht, ihn über mir zu halten. Wenn man vorne ist, ist man besser dran, weil man mehr Geschwindigkeit hat. Dann habe ich gemerkt, dass ich aktiver werden müsste. Er war ein wenig schneller als ich, aber weil er den längeren Weg hatte, hat mir das am Ende den Sieg gebracht. Damit habe ich nie gerechnet. Ich bin jetzt im jungen Jahr der Altersklasse U19, da ist es eigentlich verboten, dass du gewinnst (lacht). Ich habe nie damit gerechnet. Wirklich nicht. Ich realisiere erst so langsam, dass ICH da gewonnen habe. Ich habe immer noch einen hohen Puls, wenn ich mir diesen Moment anschaue, den Lauf und dann über die Ziellinie, generell die letzte Runde, dass ich es irgendwie geschafft habe, das Taktische aus den ganzen letzten Jahren anzuwenden und in den Lauf zu packen. Danach hatten wir dann sofort die Siegerehrung und mir sind auf dem Podium die Beine eingeknickt (lacht). Das war nicht so schön.

Frage:   Gab es einen Zeitpunkt, von dem an du gemerkt hast, dass du Gold holen kannst?

Willy:   Es waren wieder drei Läufe. Den ersten habe ich mehr oder weniger verloren, also wirklich verloren. Ich kam von hinten, mein Gegner ist vorne angefahren und ich bin hinten mitgefahren und war dann leicht im Windschatten. Die Lücke war aber schon zu groß und ich habe sie nicht mehr schließen können. Er war mir wirklich überlegen in dem Moment. Da habe ich schon fast damit abgeschlossen. Allerdings habe ich dann aus Spaß gesagt, ich kann sagen, ich hatte viel Motivation, dass ich einen „Bauernsprint“ fahre. Das heißt, man fährt relativ früh los und dann eine ganze Runde voll Anschlag. Wie bereits gesagt bin ich von den 800Metern 600m Anschlag gefahren, so dass mein Konkurrent hinter mir auch voll fahren musste. Ich hatte ein relativ gutes Durchhaltevermögen und er konnte das Loch nicht mehr zufahren und war dann „grau“. Ich denke, im Endeffekt war es dieser zweite Lauf, der uns beiden ziemlich viel Kraft gekostet hat. Dann kam es auf die Regeneration an. Ich habe den Lauf noch relativ gut verkraftet, aber ihm ging es nicht mehr so gut. Aber er ist ein richtig netter Typ, er kommt aus Polen. Man sieht sich bestimmt bei anderen Wettkämpfen wieder. Dann kam der letzte Lauf, wir waren beide so k.o. und es hieß einfach nur noch, wer kann sich besser quälen. Wir haben uns beide gequält und am Ende ist es für mich gut ausgegangen. Das war unfassbar, dieser Moment.

Frage:   Welches Gefühl kam als erstes hoch, als du gewonnen und später dann die Goldmedaille in der Hand gehalten hast?

Willy:   Ich konnte es zu dem Zeitpunkt wirklich noch nicht fassen, dass ich gewonnen hatte. Man realisiert es erst so langsam im Nachhinein, aber es dauert immer noch an. Das geht dann los, wenn man ein paar Interviews hat. Da merkt man, dass man wirklich etwas gewonnen hat und strengt sich für das nächste Jahr wieder an. Ich möchte meinen Titel verteidigen, denn ich bin noch ein Jahr in der Altersklasse.

Frage:   Wer sind deine größten Unterstützer?

Willy:   Mein größter Unterstützer ist auf jeden Fall mein Trainer, Sascha Jäger. Ich lege viel Wert darauf, dass der Trainer den Ton angibt. Eine gute Trainer-Sportler-Beziehung ist wichtig, ansonsten verliert man auch den Spaß. Natürlich ist es auch wichtig, zu Hause eine starke Rückhand zu haben, in Zeiten von Corona braucht man das besonders. Ich hatte gute Möglichkeiten zu Hause. Ich hatte mein Rad und bin auch mit meinen Eltern gefahren oder mal hinter dem Auto her. Das hat alles super geklappt und ich denke mal, dadurch, dass ich das Training durchgezogen habe, konnte ich auch vieles erhalten, was ich vorher gelernt hatte. Es war auch eine harte Zeit. Die Motivation kommt mehr oder weniger durch andere Leute und ich finde das Training in einer Gruppe ziemlich wichtig. Alleine schafft man das nicht. Ich habe letztes Jahr das Glück gehabt, dass Julien Jäger, ebenfalls ein Europameister, bei mir in der Trainingsgruppe war. Wir waren ein gut eingespieltes Team. Er ist bei der Bundespolizei, aber er kommt jetzt im Januar wieder und dann können wir hoffentlich zusammen trainieren, dass fand ich damals sehr wichtig.

Frage:   Woher nimmst du die Energie, um so hart zu arbeiten?

Willy:   Ich setze mir kurzfristige Ziele, die ich erreichen möchte und hinter denen ich auch stehe. Ich kann von mir selber sagen, dass ich ziemlich ehrgeizig bin.

Frage:   Was sind deine nächsten Ziele?

Willy:   Es wurde schon wieder vieles geplant. Ich soll auch zu einem GA-Lehrgang fahren und es stehen im kommenden Jahr wieder die Junioren-Weltmeisterschaften und die Junioren-Europameisterschaften an. Dieses Jahr ist die WM ausgefallen, nächstes Jahr soll sie dann in Kairo stattfinden. Das ist das große Ziel, da mitzufahren und eventuell auch auf das Podium zu kommen. 

Frage:   Fühlt es sich besonders an, bei einer EM teilgenommen und auch noch gewonnen zu haben?

Willy:   Mir hätte das Erlebnis, einfach dort dabei gewesen zu sein, gereicht. Das ist etwas ganz, ganz anderes. Man kann es einfach nicht in Worte fassen. Du stehst mehr oder weniger im Mittelpunkt, versuchst die beste Leistung zu bringen, alles richtig zu machen und dann hoffst du einfach, dass es gut wird. Es hat geklappt.

Es ist etwas Besonderes.

Ja, natürlich, aber ich versuche, damit nicht so hausieren zu gehen. Ich behalte das lieber für mich, es muss auch nicht jeder wissen. Ich bin eher so, dass ich darauf hin trainiere und es das nächste Mal wieder versuche. Wenn jemand etwas darüber wissen möchte, erzähl ich ihm das gerne, aber für mich kommt es immer darauf an, dass alle an einem Strang ziehen und mit dabei sind.

Frage:   Kannst du uns zum Abschluss noch einmal sagen, was dich als Sportler auszeichnet bzw. wo deine Stärken liegen?

Willy:   Ich würde sagen, dass ich schon viel über meinen Ehrgeiz erreiche und zielstrebig bin. Letzten Endes mache ich auch viel über den Kopf. Das musste ich erst lernen, denn anfangs habe ich noch gedacht, dass ich in dieser Sache nicht so extrem bin. Aber vor dem Lauf habe ich mir bestimmt schon 2-3 Monate lang Gedanken gemacht. Dann lief es zwischenzeitlich echt gut und ich war zufrieden, denn ich bin neue Bestzeiten und hier in Deutschland für meine Verhältnisse sehr gut gefahren. Da war ich dann einfach happy und dachte mir, das kann was werden.

Und das wurde es dann auch. Wir wünschen dir für alle deine weiteren Ziele viel Erfolg und drücken dir die Daumen. Natürlich sind wir gespannt, welche Titel du dir zukünftig noch holen wirst, vielleicht sehen wir dich nächstes Jahr schon als Weltmeister zu einem Interview wieder./ab

Das Interview für die Homepage führte Anna Bretschneider.