Die deutsche Wiedervereinigung – Gelebtes Leben und Blick auf die Geschichte

Am 3. Oktober dieses Jahres feierten wir bereits 30 Jahre Deutsche Einheit. 30 Jahre, nachdem Deutschland nach einer 40-jährigen Teilung wieder vereint wurde. Dennoch würden, wie bereits erwähnt, viele Menschen den 9. November 1989 als wahren „Tag der Deutschen Einheit“ bezeichnen. Die eigentliche Wende brachte ja auch der Fall der Mauer ein knappes Jahr früher. Warum wurde dieser Tag dann nicht zum Feiertag ernannt? Das hat politische Gründe. Da der 9. November ein Tag in der deutschen Geschichte ist, der nicht zuletzt durch den Hitler-Putsch (1923) und die Reichspogromnacht (1938) mit negativen Konnotationen behaftet ist, musste man sich auf einen anderen Tag festlegen und es wurde der, an dem die DDR der BRD beigetreten ist. Für die Schüler unserer Schule ist es Vergangenheit, nur ein Blick auf die Geschichte. Für die meisten unserer Lehrer jedoch bedeutet es gelebtes Leben. Gerade deshalb ist es besonders interessant, die Meinungen beider Seiten zu hören. Wir haben Schüler und auch Lehrer befragt, mit welchen Gedanken sie diesen Tag sehen. Im Folgenden werdet ihr einen Einblick in die Ergebnisse dieser Umfragen erhalten.

Ein geteiltes Deutschland? Heute noch? Unvorstellbar! Wie sich zeigte, wusste auch nur die knappe Mehrheit der teilnehmenden Schüler, was am 3. Oktober überhaupt gefeiert wird, zumal das Datum für die meisten Schüler und auch Lehrer persönlich eher weniger bedeutsam ist.

Der Wunsch einiger Lehrer nach mehr Informationsveranstaltungen an diesem Tag, damit nicht in Vergessenheit gerät, dass mal andere Verhältnisse in Deutschland  herrschten, die DDR ein „Gefängnis“ war und was aber andererseits die dort lebenden Menschen geleistet haben, scheint also berechtigt. Die meisten halten die überall stattfindenden Veranstaltungen aber für „ausreichend“ und „angemessen“. Zudem sind sie sich einig, dass der Tag zu Recht zum Feiertag erklärt wurde aufgrund der Bedeutsamkeit dieses Ereignisses für die deutsche Geschichte. Damit stimmen ihnen auch 99% der Schüler zu, die von dem Ereignis nur Erzählungen hören und aus der Sicht eines Nicht-Betroffenen bewerten können.

Da ist es schön zu sehen, dass doch viele Schüler, wenn auch eher selten in ihren Familien, besonders mit den Großeltern, über die Wiedervereinigung sprechen und auf diese Weise einen wichtigen Teil der Geschichte Deutschlands mitgegeben bekommen.

Deshalb im Folgenden auch mal ein kurzer Einblick von Zeitzeugen in das Leben am Sportgymnasium Erfurt während der DDR und wie sich die Wiedervereinigung auf den Leistungssport auswirkte:

Die Schule war eine „hochspezialisierte Sportschule“ mit „sportartenreinen Klassen“. Es gab eine „superenge“ Zusammenarbeit mit dem Sport, das bedeutet, dass sich wöchentlich das KPK, das “Kleine Pädagogenkollektiv”, bestehend aus Klassenleiter, Trainer und Erzieher, traf, um gemeinsam Termine zu planen und darüber hinaus der Klassenleiter mit zu Trainingslagern und Wettkämpfen fuhr, sodass die Schüler in den Hauptfächern unterrichtet werden konnten. Außerdem waren die Klassenstrukturen anders, das heißt, Jungen und Mädchen wurden getrennt unterrichtet, es begann schon mit der 1. Klasse, und die einzelnen Sportarten kamen in unterschiedlichen Klassenstufen an die Schule. Auch Einzelunterricht war damals keine Seltenheit und es gab eine Schulzeitstreckung. Zusammenfassend kann man sagen: Es herrschten „Superbedingungen“.

Das änderte sich schlagartig nach der Wende, als plötzlich auch „Nichtsportler“ und neue Sportarten aufgenommen werden mussten. Vieles fiel weg, so zum Beispiel die sportartenreinen Klassen und die Schulstreckung. Ähnliche Bedingungen kamen erst wieder nach 7 Jahren. Doch nicht nur auf unsere Schule bezogen, kam es zu drastischen Änderungen im Leistungs- und Breitensport, sodass dieser damals als „großer Verlierer“ aus der Nachwendezeit hervorging. Das „komplette Sportsystem“ wurde abgebaut, die damaligen Strukturen in Frage gestellt, aufgelöst und erst später wieder aufgebaut. Wie in den meisten anderen Bereichen auch musste das System des Westens übernommen werden und es kam zu großer Arbeitslosigkeit. Nicht wenige haben dadurch ihren Job verloren oder die Fachhochschulabschlüsse wurden nicht anerkannt. Das hat nicht nur den Sport betroffen, sondern die Allgemeinheit, so auch Lehrer unserer Schule. Diese gerieten damals besonders in Verruf, da ihnen eine Zusammenarbeit mit dem Staat vorgeworfen wurde. Es war eines der Themen der „täglichen Diskussionen“, mit denen sie konfrontiert wurden.

Für das ganze Land bedeutete es einen großen Umschwung, der gleichermaßen begrüßt wie auch abgelehnt wurde. Mich erreichten viele positive Worte, wie Freiheit, Hoffnung, Träume und Wünsche, die den negativen, wie Sorge, Unsicherheit, Enttäuschung und Überforderung gegenübergestellt wurden. Berührende Worte, die von emotionalen Geschichten stammen. Jeder hat die Wende und anschließende Wiedervereinigung auf andere Weise erlebt, so dass ich Berichte aus den unterschiedlichsten Sichtweisen hörte. Manche unserer Lehrer waren noch in der Schule oder beim Studium, einige arbeiteten bereits oder mussten mit ganz anderen Schwierigkeiten kämpfen.  Es ließ sich vor allem heraushören, dass alles „ganz schön schnell“ ging, zu schnell, um kritisch auf Fehler zu schauen, diese auszumerzen und gemeinsam gute Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Deshalb sprechen auch so viele Menschen von einer „Übernahme“, auf Grund dessen, wie die Wiedervereinigung ablief.

Erst einmal löste der Mauerfall „großes Erstaunen“ und „Ungläubigkeit“ aus. Es war der „Wahnsinn“, denn für viele war es nicht vorstellbar. Plötzlich konnte man überall im Fernsehen sehen, wie „Menschen auf der Mauer tanzen“ und „DDR-Bürger in langen Kolonnen gen Westen fuhren“. Bahnhofsgebäude waren überfüllt, weil alle in den „gelobten Westen“ reisen wollten. Dann wurde nach und nach das System der BRD der DDR „übergestülpt“. Daraus hätten sich sowohl Vorteile als auch Nachteile ergeben, dennoch beurteilen unsere Lehrer die Wiedervereinigung für Gesamtdeutschland grundsätzlich als das Richtige. Es folgten viele neue Freiheitsrechte, zuallererst die Reise- und Meinungsfreiheit. Davon profitieren die Menschen heute noch. So empfinden es auch viele Schüler, die dankbar sind, überall hinreisen, sich deutschlandweit mit der Konkurrenz messen und auch in anderen Ländern trainieren zu können. Der Austausch ist sehr wertvoll für den Leistungssport und belebte ihn trotz damaliger anfänglicher Schwierigkeiten, vor allem durch die neuen Möglichkeiten, wozu auch materielle Belohnungen für die Sportler gehörten.

Jedoch hat eine Medaille immer zwei Seiten und so kam es neben der bereits erwähnten Arbeitslosigkeit auch zu einer „massiven Abwanderung junger Menschen“ in den Westen und zum Verlust des „sozialen Zusammenhalts“. Die Folgen davon spüren viele heute noch, sowohl Schüler als auch Lehrer. Es bestehen noch viele gegenseitige Vorurteile zwischen Ost und West, „Betriebe haben ihre Stammsitze im Westen“ und auch die Mentalität der Menschen ist unterschiedlich. Allerdings hat gleichermaßen ein Teil der Schüler angegeben, keine Nachwirkungen mehr zu spüren, was sich darauf zurückführen lässt, dass in den meisten Köpfen der jüngeren Generation keine Teilung mehr in Ost und West existiert. Der Grund dafür ist einfach zu finden, haben doch Schüler im Alter von 10 bis 19 Jahren, die aus dem ehemaligen Ost- bzw. Westdeutschland stammen, das geteilte Deutschland nicht mehr erlebt.

Als Resümee der Umfrage ist zu konstatieren, dass Deutschland wieder eine Einheit ist, aber noch keine Einheitlichkeit erzielt wurde. Das betrifft vor allem die Bereiche Politik, Wirtschaft, Einkommen und Rente. Trotz dessen sind sich alle einig, dass die Wiedervereinigung das Richtige war und die Deutschen wieder ein Volk sind. Dieser Moment und die Verhältnisse, die damals herrschten, sollen durch den „Tag der Deutschen Einheit“ in Erinnerung behalten werden.

Hiermit möchte ich mich nochmal bei allen bedanken, die sich die Zeit genommen haben, meine Fragen zu beantworten./ab